Über RealFiktionen

Theater Text Autorschaft

Was ist die Rolle von AutorInnen und Texten im Theater heute? Wie greifen sie auf Realität zu? Und wie kann eine Auseinandersetzung über Theatertexte abseits des Theaterbetriebs überhaupt geschaffen werden? Können Theatertexte für sich sprechen? Und warum gibt es immer wieder Missverständnisse wenn Theater und Texte sich begegnen?

RealFiktionen ist ein Symposium für zeitgenössischen Theatertext. Nach einem vorangegangen Workshop im Februar 2015 werden nun vom 6. bis 15. Mai 2015 an drei Abenden in der Lettrétage, dem Literaturhaus in Berlin-Kreuzberg am Mehringdamm 61, Lesungen, Haltungen, Meinungen und Missstände präsentiert. Ziel ist es Theatertexte außerhalb des Theaters als eigenständige, literarische Form in ihrer Vielfalt vorzustellen.

Die Beteiligten von RealFiktionen arbeiten an der Schnittstelle von Theater / Prosa und Performance. Einige Teilnehmende verfassen explizit Texte für das Theater, die Texte anderer streiften bislang nur peripher seinen Bereich und einige der geladenen AutorInnen schreiben sowohl Prosa als auch Dramentexte – und ein Teil von ihnen nimmt die Trennung zwischen den Textformen überhaupt nicht als eine solche wahr. Manche von ihnen sind schon länger im Betrieb unterwegs, andere sogenannte NewcomerInnen – in diesem Sinne freuen wir uns sehr Jörg Albrecht, Hannes Becker, Nolte Decar (Michel Decar und Jakob Nolte), Olga Grjasnowa, Wolfram Lotz, Maxi Obexer, Kathrin Röggla, Gerhild Steinbuch und Deniz Utlu für RealFiktionen gewonnen zu haben.

Das von der Literaturveranstalterin Carolin Beutel und dem Autor Thomas Köck konzipierte Projekt möchte für den in der Regel auf Prosa und Lyrik konzentrierten Berliner Literaturbetrieb ein neues Feld erschließen – nämlich das des (post-)dramatischen Diskurses. Umgekehrt soll damit der Theatertext wieder dort zur Sprache gebracht werden, wo von ihm in den letzten Jahre selten bis gar nichts zu hören war: in der „Literatur“. Lange Zeit wurden Theatertexte in großer Zahl gelesen, was momentan kaum noch passiert. Sie werden kaum publiziert und falls doch, im Literaturbetrieb kaum wahrgenommen. Gleichzeitig wird im Theaterbetrieb gerade über die neue Rolle von AutorInnen gesprochen. Nicht ohne viel Kritik und Verwirrung. Ist die neue AutorInnenschaft als Erweiterung zu verstehen, oder ist der literarische Theatertext als eigenständige, gearbeitete Form im Begriff, aus dem Theater auszuziehen?

In einem gemeinsamen Workshop im Februar 2015 wurde laut nachgedacht – vor allem über den momentanen Umgang mit AutorInnen im Theater: ihre Marginalisierung, ihre Ersetzbarkeit, und ihr Anspruch auf einen eigenständigen, literarischen Wert ihrer Texte. Aus AutorInnenperspektive wurde gefragt, was Theatertext ist, war, sein könnte und vielleicht einmal gewesen sein wird. Immer wieder wurde dabei der Wunsch laut, eine Lanze für den Text zu brechen. So entstand die Idee, an drei verschiedenen Abenden in kleinen Formaten den Theaterbetrieb, den Begriff der Autorschaft, das literarische Sprechen, und die Arbeitsbedingungen von AutorInnen zu hinterfragen.

Vom 6. Bis 15. März werden die eingeladenen AutorInnen an drei Abenden ihre für RealFiktionen jeweils in Zweiergruppen entwickelten Projekte präsentieren. Die Bandbreite von Arbeitsweisen, Zugriffen, Themen und Präsentationsweisen, welche hierbei transparent werden, ist beeindruckend umfassend: Fiktion/Spiel am 6. Mai wird von Gerhild Steinbuch und Jörg Albrecht („Memory der Fiktionen“) sowie Nolte Decar („Helmut Kohl läuft durch Hongkong“) gestaltet. Während Steinbuch und Albrecht in einem dem Zufall überlassenen Fiktionsmemory nach der Verantwortung von Fiktionen gegenüber der Realität fragen, werden sich Nolte Decar in einer Skandal­-Performance mit dem immer noch wenig vorhandenen Nachspielen neuer Texte auseinandersetzen. Am 13. Mai werden Deniz Utlu und Olga Grjasnowa („Romane auf der Bühne“) sowie Wolfram Lotz und Hannes Becker („Die Hand vom Intendant, die Band vom Inspizient“) dem Thema Text/Theater nachgehen. Utlu und Grjasnowa bringen ihre Regisseure Nurkan Erpulat und Hakan Savaş Mican mit zu einem öffentlichen Arbeitsgespräch und wollen dabei herausfinden wie man mit Romanen eigentlich am Theater verfährt. Wolfram Lotz und Hannes Becker stellen danach die fundamentalen Fragen: Was will der Text im Theater? Und was sieht er da? Und dann, was macht er da? Abschließend fragen Kathrin Röggla und Maxi Obexer („Das unspielbare Sprechen“) am 15. Mai unter dem Motto Realität/Sprache wie sich die fiktiven, inszenierten Strukturen unserer Realität in der Sprache abbilden lassen.

Durch die Gestaltungsfreiheit, die den AkteurInnen bei der Konzeption ihrer jeweiligen Präsentationen ermöglicht wurde, birgt das bei RealFiktionen Gezeigte großes Innovationspotential, das Gattungsgrenzen aufbricht. Das Symposium möchte den Blick auf Theatertexte öffnen und erweitern: außerhalb des üblichen Wahrnehmungsspektrums der Öffentlichkeit. Dass viele zeitgenössische Texte dieser Form sich auch durch eine hohe Lesequalität auszeichnen, dass es vor allem sehr viele Theatertexte gibt, die nicht nur von Fachpublikum, Jurys und Dramaturgien gelesen werden wollen, sondern umgekehrt wichtige Impulse für ein zeitgenössisches Sprechen und Schreiben über Realität liefern können, und dass zeitgenössische AutorInnenschaft wesentlich mehr ist, als eine vermeintliche Schreibtischtäterschaft, dass ohne AutorInnen und deren Sprach- und Diskurskritik das Theater sich bloß reproduziert und die Anbindung an die Öffentlichkeit verliert, ist bei RealFiktionen die feste Überzeugung.

Advertisements

Ein Gedanke zu “Über RealFiktionen

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.